Die Trau-Mappe liegt wie immer auf dem Tisch des Trauzimmers im Olsberger Rathaus. Doch für Standesbeamtin Anneliese Ortmann ist nach 1892 Eheschließungen nun Schluss. Foto: Stadt OlsbergBeim ersten Mal war sie so aufgeregt, dass sie kaum schreiben konnte. Beim letzten Mal war ihr wehmütig ums Herz. 1892 Paare sagten „Ja“ bei Anneliese Ortmann. Die Standesbeamtin der Stadt Olsberg ist jetzt in den Ruhestand gegangen. Quereinsteigerin war sie, wollte eigentlich im sozialen Bereich arbeiten, war dann aber nach einer Hauswirtschaftslehre erst in einer Metzgerei, später in Einkauf und Verwaltung eines Seniorenheimes tätig.

Als ihr Mann einen Job im Sauerland fand, ging die Neusserin mit. Am 1. Dezember 1980 hatte sie ihren ersten Arbeitstag bei der Stadt Olsberg, zunächst als Mutterschaftsvertretung in der Kämmerei, später als Sachbearbeiterin im Standesamt. Seit dem 21. Dezember 1984 war sie Standesbeamtin, seit 1984 auch fast ununterbrochen im Personalrat, davon viele Jahre als Vorsitzende.

Mit dem Lampenfieber bei der ersten Trauung ging sie offensiv um: „Ich bin so aufgeregt, das ist für mich das erste Mal“, gestand sie dem Brautpaar und seinen Gästen. „Für mich auch“, brach der Bräutigam das Eis. Von da an war die Atmosphäre locker und gelöst: „Ich bin mit einem guten Gefühl rausgegangen“, erinnert sich die 63-Jährige. Und: „Ich weiß, dass die Ehe heute noch besteht.“

Das Rechtliche gab man ihr an die Hand. Doch wie sie ihren eigenen Stil finden, die Zeremonie gestalten könnte, das musste Anneliese Ortmann selbst herausfinden. Der offizielle Akt der Eheschließung dauert „zwei Minuten“, schätzt sie. Der Rest ist Kür, kann frei gestaltet werden mit Traurede und im besten Falle einem lockeren Gespräch mit Brautpaar und Gästen. Sie hat Buch geführt über ihre Trauungen: Namen, Datum, welche Rede sie gehalten hat. 70 bis 80 verschiedene Traureden hat sie geschrieben. „Man entwickelt sich ja, die Zeiten ändern sich, die Leute auch“, sagt die 63-Jährige.

Besonders gefallen hat ihr, als sie zwei behinderte junge Menschen aus dem Josefsheim trauen durfte: „Diese Beziehung zu einander, dieses Glück konnte man so deutlich spüren.“ Die lustigste Eheschließung fand an einem Samstagmorgen statt. „Da kamen vier Personen: das Brautpaar und die beiden Söhne eines der Partner. Einer trug ein Tablett, auf dem Vogelsand war.“ Als das Jawort gesprochen werden sollte, stellte der Junge das Tablett auf den Boden, die Braut zog die Schuhe aus und stellte sich mit nackten Füßen auf den Sand. „Ich habe zu all meinen Freunden gesagt, wenn ich nochmal heirate, dann nur mit nackten Füßen im weißen Sand“, erklärte sie der verdutzten Standesbeamtin.

Ja gesagt haben alle, die Anneliese Ortmann in hochoffizieller Funktion gefragt hat. Nur ein einziges Brautpaar erschien erst gar nicht zur Trauung – und sagte nicht mal den Termin ab. Per Telefon fand die Standesbeamtin dann bei der Mutter der Bräutigams heraus, dass dieser am Vortag beschlossen habe, nun doch nicht zu heiraten.

1892 Trauungen – da waren auch viele Freunde und Kollegen dabei. Ihre engste Freundin hat sie verheiratet, an deren 55. Geburtstag, als sie schon 25 Jahre mit dem Bräutigam liiert war. Und auch Olsbergs Bürgermeister Wolfgang Fischer gab sein Jawort vor Anneliese Ortmann. Sogar zwei Verpartnerungen von gleichgeschlechtlichen Paaren waren dabei.

Eigentlich habe sie immer gesagt: „Ich freue mich auf die Rente“, lächelt sie. Als die letzte Trauung vorüber war, ging sie doch mit einem weinenden Auge. Langweilig wird es der 63-Jährigen aber kaum im Ruhestand. Sie ist aktive Chorsängerin bei den Altenbürener Sängerfreunden, dazu noch deren Vorsitzende sowie Vorsitzende des Chorverbandes Altkreis Brilon. Sie bewegt sich gern in der Natur, nennt Lesen und Handarbeiten als ihre Hobbys, freut sich auf gemeinsame freie Zeit mit ihrem Mann, den sie 1978 in Brühl geheiratet hat.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine „sehr, sehr schöne Zeit bei der Stadt Olsberg“, an die Arbeit, die ihr „sehr viel Freude gemacht hat“. Und an 3784 Jaworte…

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