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Gedenken zum Volkstrauertag nur im kleinen Kreis (v.l.): Bigges Ortsvorsteher Karl-Wilhelm Fischer, Daniel Möller, Tobias Klauke, Olsbergs Ortsvorsteherin Sabine Bartmann, Bürgermeister Wolfgang Fischer. Foto: bigge-onlineIm Sinne der Barrierefreiheit und um das Gedenken zum Volkstrauertag auch in dieser Form festzuhalten, könnt ihr nachfolgend die Gedenkreden vom 15. November 2020 nachlesen. Die Veranstaltung selbst konnte nur im kleinen Kreis stattfinden, wurde aber für die Bevölkerung im Video festgehalten (https://youtu.be/Yx-eUU3z3GA). Nehmt euch die 15 Minuten und haltet einen Moment inne. Ansonsten empfehlen wir euch die Texte:


Gedenken der jungen Generation
Daniel Möller, Jungschützen St. Michael Olsberg
Daniel Möller.

Sehr geehrte Olsbergerinnen und Olsberger,

am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen. Wir erinnern an die Soldaten, die zivilen Kriegsopfer und die Opfer von Massakern.Wir denken an die Toten der Diktaturen.

Besonders gedenken wir natürlich auch unsere Olsberger Opfern, weshalb wir uns hier am Ehrenmal versammelt haben. Ich stehe hier und halte diese Rede für die junge Olsberger Generation.Die Generation, die mehr als 45 Jahre nach Kriegsende überhaupt erst geboren wurde.Die Generation, die nicht mal die deutsche Trennung noch persönlich erlebt hat. Die Generation, die in einem vermutlich friedlicheren Deutschland als jemals zuvor in derGeschichte groß geworden ist.

Einen anderen Zustand als derzeit (natürlich ohne Corona) können und wollen wir uns nicht vorstellen.Warum stehe ich trotzdem hier und rede über das Erinnern und das Nicht-Vergessen, obwohl ich doch nie selber Erfahrung mit Gewalt, Krieg oder Unterdrückung gemacht habe?

Wenn man sich in der Welt ein wenig umblickt, dann fällt auf, dass dieser friedliche Zustand, welcher für mich und meine Generation seit unserer Geburt Normalzustand ist, ein wertvolles Privileg ist. In Belarus gehen derzeit die Menschen für ihr Wahlrecht und gegen den amtierenden Diktator auf die Straßen und werden dafür eingesperrt. Armenien und Aserbaidschan führen einen gefährlichen Kampf um die Region Bergkarabach und auch in Syrien herrscht weiter Bürgerkrieg.

Diese drei sind nur traurige Beispiele für Gewalt, Unterdrückung und Krieg, welche international ineinigen Gebieten immer noch auf der Tagesordnung stehen.

Mit den Bildern vor Kopf aus den internationalen Kriegsgebieten und Gebieten der Unterdrückungstehen wir also hier und Gedenken aller Opfer von Krieg, Gewalt und Unterdrückung. Für meine Generation, die solche Untaten nie erlebt hat und auch nicht erlebt, ist besonders wichtig sich immer wieder zu erinnern, dass unser friedliches Leben ein Privileg ist, welches es zu bewahren und zu schützen gilt.

Ein soziales und friedliches mit- und füreinander, das zeigt uns auch die aktuelle Corona-Pandamie, ist ein Zustand, welchen es zu erreichen und zu bewahren gilt. Das Erreichen eben dieses Zustandes sollte die Maxime unseres Handelns sein.

Das Erinnern an vergangene Zeiten, in denen dieser Zustand noch nicht normal war, sollte hierbeials Mahnendes Beispiel immer wieder an der Tagesordnung stehen. Auch für zukünftige Generationen sollte das Wissen über die schrecklichen Gewalttaten des 2.Weltkrieges mahnendes Beispiel sein, auf dass solche Taten nie wieder geschehen werden. Gleichzeitig sollten wir heute eben jener Opfer Gedenken, welche gerade im Moment Opfer von Krieg und Gewalt sind. Jenen, welche nicht das Glück hatten so friedlich aufzuwachsen wie wir hier in Olsberg.



Gedenkrede
Tobias Klauke, Oberst
Schützenbruderschaft St. Michael Olsberg
Tobias Klauke

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Olsberg,

der Volkstrauertag ist ein staatlicher Gedenktag und findet alljährlich zwei Wochen vor dem 1. Advent statt. 1922 ins Leben gerufen, diente der Volkstrauertag zunächst dem Gedenken der Toten des Ersten Weltkrieges. Die Nationalsozialisten benannten den Tag in „Heldengedenktag“ um und stellten ihn in den Dienst ihrer kriegsverherrlichenden Propaganda. Doch heute wissen wir, dass es im Krieg keine Helden gibt, sondern nur Opfer. Seit 1945 wird am Volkstrauertag auch der zivilen Opfer des Krieges gedacht. So treten neben die toten Soldaten auch die Frauen, Kinder und Männer, die in den besetzten Ländern und in Deutschland zu Opfern von Krieg und Gewalt geworden waren.

Hierzu zählen ausdrücklich auch die Menschen, die aus politischen, religiösen, so genannten „rassischen“ oder anderen Gründen durch die NS Diktatur verfolgt und ermordet wurden. Der zweite Weltkrieg war die größte Katastrophe des 20. Jahrhundert mit weltweit über 60 Millionen Toten.

Doch wie konnte es so weit kommen? Wie konnten so viele Deutsche behaupten, nichts von der Judenvernichtung gewusst zu haben? Wie konnten Dorfbewohner, Lehrer, Ärzte behaupten, sie hätten nichts von dem Grauen in den Konzentrationslagern gewusst?

Diese Fragen wurden dem Geschichtslehrer Ron Jones im Jahr 1967 gestellt. Jones gab gerade Geschichtsunterricht zum Thema „Drittes Reich“ in der „Cubberley High School“ im kalifornischen Palo Alto. Er stand ratlos vor der Klasse und hatte selber keine Antwort auf die Fragen. Er beschloss ein außergewöhnliches Experiment zu wagen. Er wollte Nazi Deutschland nachbauen, im Kleinen, im Klassenzimmer. Er wollte seine Schüler Faschismus hautnah erleben lassen. Den Horror, aber auch die gefährliche Faszination.

Er kommandierte militärisch, er kontrollierte und führte gegenseitige Selbstkontrollen ein, er schikanierte und förderte Rebellentum. Aber er schaffte auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl, einen eigenen Stolz der Klasse, er schottete sich gegen anders Denkende ab und führte einen eigenen Gruß ein, den er „The Third Wave“ – die dritte Welle nannte. Wellen kommen in Dreiergruppen, die letzte, die dritte aber ist die kräftigste wenn sie auch den Strand trifft. Niemandem fiel die begriffliche Nähe zum „Dritten Reich“ auf.

Immer mehr Sympathisanten schlossen sich der Klasse an und folgten Jones‘ strengem aber elitären Regiment. Jones etablierte sich selbst als Anführer einer neuen Bewegung. Er vermittelte den Schülern die Bedeutung und den Reiz von Disziplin und Gemeinschaft, hatte jedoch unterschätzt, wie viel Engagement und Eigeninitiative die Schüler an den Tag legen würden und wie stark er selbst von seinem Experiment und seiner Rolle vereinnahmt werden würde.

Nach wenigen Tagen musste Jones das Experiment abbrechen, als ihm bewusst wurde, dass er zunehmend die Kontrolle über die Schüler verlor, die mittlerweile auch vor Gewaltanwendung nicht zurück schreckten und er selbst seine Rolle als Diktator zu genießen begann.

Der Lehrer zeigte seinen Schülern einen Film über das Dritte Reich: die große Bewegung auf den Reichsparteitagen, Gemeinschaft, Disziplin, Gehorsam - und dann die Taten für die Gemeinschaft: Terror, Gewalt, Gaskammern. Ron Jones sah in die fassungslosen Gesichter. Der Kreis schloss sich, die Fragen waren beantwortet. Er wusste, warum er vergessen würde, warum alle hier vergessen würden. Er sagte: "Wie den Deutschen wird es euch schwer fallen zuzugeben, dass ihr so weit gegangen seid. Ihr werdet nicht zugeben wollen, manipuliert worden zu sein. Ihr werdet nicht zugeben, bei diesem Irrsinn mitgemacht zu haben."

Dieses Experiment wurde als „The Third Wave“ bekannt und hier in Deutschland unter dem Namen „Die Welle“ verfilmt. Vielen war es peinlich, wie leicht sie sich von der Welle haben mitreißen lassen. Es war 1967. Das Ende des zweiten Weltkriegs lag gerade einmal 22 Jahre in der Vergangenheit. Viele von den Schülern waren politisch engagiert. Sie waren in Studentenbewegungen und sogar bei den Black Panthers, die sich gegen Rassismus einsetzten und sie alle waren unglaublich schockiert, wie schnell sie bereit gewesen waren, ihre persönliche Freiheit aufzugeben. [1]

Seit 75 Jahren herrscht nun Frieden in Europa. In der Bundesrepublik Deutschland herrscht seit 1949 wieder die Demokratie und mit dem Mauerfall im Jahr 1989 wurde auch der Kalte Krieg beendet und das geteilte Deutschland wieder vereint. Doch wer dies für selbstverständlich anzieht, der erinnere sich bitte an das Experiment von Ron Jones. Wie schnell aus Indoktrination wieder Fanatismus und Hass entstehen kann. Wie schnell man von so einer Faschismus Welle mit gerissen werden kann.

Die Generation meiner Großeltern, die diese dunkle Zeit miterleben musste, verlässt langsam nach und nach die Bühne des Lebens. Es wird bald keine Zeitzeugen mehr geben, die aktiv und mit Emotionen die Geschehnisse dieser Zeit weitergeben können. Dann ist diese Zeit nur noch ein nüchterner Eintrag in den Geschichtsbüchern. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder bewusst mit der Vergangenheit auseinanderzusetzten und das möchten wir auch am diesjährigen Volkstrauertag tun. Durch das heutige Gedenken und Trauern schauen wir aber nicht nur zurück, auf das was passiert ist. Wir müssen auch aus unserer Geschichte die Lehre ziehen und das heutige Wissen positiv für die Zukunft nutzen. Wir dürfen manipulativen und populistischen Mächten keine Bühne bieten und ihnen sofort den Wind aus den Segeln nehmen, sobald sie diese gesetzt haben. Die Nachkriegsgenerationen sind sicherlich nicht für das verantwortlich, was in der NS Zeit passiert ist. Wir sind nur dafür verantwortlich, dass so etwas nie wieder passiert.

Und so möchte ich zum heutigen Volkstrauertag mit den traditionellen Worten des Bundespräsidenten von 1952, Theodor Heuss, den Toten gedenken. [2] Worte die auch nach langer Zeit immer noch aktuell sind:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen - zu Hause und in der ganzen Welt“


Quellen